Gedichtanalyse – „Siehst du die Stadt?“

📖 Gedichtanalyse – „Siehst du die Stadt?“

1. Autor & Hintergrund

Autor: Hugo von Hofmannsthal (1874–1929), österreichischer Dichter

Epoche: Symbolismus – Bildhafte Sprache, Stimmung und Emotionen stehen im Vordergrund

Entstehung: ca. 1890

2. Inhaltsangabe

Das Gedicht „Siehst du die Stadt?“ beschreibt das nächtliche Bild einer Stadt aus der Perspektive des lyrischen Ichs. Bereits in der ersten Strophe wird die Stadt bei Mondlicht vorgestellt. Sie wirkt ruhig, glänzend und verzaubert. Der Dichter verwendet bildhafte Sprache, um die Stadt fast wie ein lebendiges Wesen wirken zu lassen.

In der zweiten Strophe werden akustische und emotionale Eindrücke betont. Die Stadt „weint im Traum“ und „atmet tief und schwer“, wodurch sie menschliche Züge erhält. Gleichzeitig wird ihre geheimnisvolle, beinahe rätselhafte Atmosphäre hervorgehoben. Die Darstellung erzeugt beim Leser eine Mischung aus Bewunderung, Ruhe und leichter Melancholie.

Die dritte Strophe zeigt die emotionale Bindung des lyrischen Ichs zur Stadt: Sie „schläft im Herzen mein“. Damit wird deutlich, dass die Stadt nicht nur ein äußerer Ort ist, sondern auch als inneres Bild und Symbol der Gefühle des Ichs existiert. Die Stadt ist zugleich ein realer Ort, eine Quelle von Eindrücken und ein Spiegel der inneren Empfindungen.

3. Sprachliche Gestaltung & Stilmittel

Stilmittel Beispiel Wirkung
Metaphern „Mond der Silberseide Flut“ Mondlicht wird zu einer fließenden, silbrigen Masse → zauberhafte, bildhafte Darstellung
Personifikation „Sie weint im Traum, sie atmet tief und schwer“ Die Stadt wird lebendig, emotional und geheimnisvoll
Antithese „dunkle Stadt … mit Glanz und Glut“ Gegensätze erzeugen Spannung und visuelle Kontraste
Lautmalerei „flüsternd“, „gedämpft“ Stimmungsvolle Darstellung der Ruhe und Nachtatmosphäre

4. Stimmung & Wirkung

  • Die Stadt wirkt ruhig, geheimnisvoll, träumerisch und lebendig zugleich.
  • Personifikationen und Metaphern erzeugen eine emotionale Bindung zum lyrischen Ich.
  • Die Atmosphäre schwankt zwischen Bewunderung, Melancholie und innerer Nähe.

5. Ausführliche Interpretation

Hofmannsthal nutzt den Symbolismus, um die Stadt nicht nur als physischen Ort, sondern als Ausdruck innerer Gefühle zu zeigen. Die Stadt steht für:

  • Sehnsucht und Erinnerung
  • innere Verbundenheit des lyrischen Ichs
  • Stimmung und ästhetisches Empfinden

Die Stadt ist durch die Personifikationen und Metaphern fast wie ein eigener Charakter im Gedicht. Sie verkörpert Ruhe, Schönheit, Geheimnis und gleichzeitig eine emotionale Tiefe. Das Gedicht lädt den Leser dazu ein, die Stadt nicht nur äußerlich, sondern auch gefühlsmäßig wahrzunehmen. Hofmannsthal vermittelt so, dass Landschaft und Ort oft innere Stimmungen spiegeln und symbolisch für das Innere des Menschen stehen.

6. Merksätze für Schüler

  • 📍 Symbolismus: bildhafte, emotionale Sprache, Stimmungsbilder im Vordergrund
  • 📍 Personifikationen machen die Stadt lebendig
  • 📍 Stimmung = ruhig, geheimnisvoll, träumerisch
  • 📍 Antithesen und Metaphern erzeugen Spannung und visuelle Eindrücke
  • 📍 Die Stadt ist sowohl realer Ort als auch Symbol für innere Gefühle

7. Aufgaben

  1. Fasse die Stimmung der Stadt in eigenen Worten zusammen.
  2. Nenne drei Metaphern oder Personifikationen aus dem Gedicht.
  3. Welche Gefühle vermittelt das Gedicht beim Leser?
  4. Interpretieren: Warum schläft die Stadt „im Herzen“ des lyrischen Ichs?

8. Lösungen zu den Aufgaben

  1. Die Stimmung ist ruhig, geheimnisvoll, träumerisch und emotional. Sie vermittelt Bewunderung und Melancholie.
  2. Beispiele: „Mond der Silberseide Flut“ (Metapher), „Sie weint im Traum“ (Personifikation), „dunkle Stadt … mit Glanz und Glut“ (Antithese).
  3. Gefühle: Ruhe, Faszination, emotionale Nähe, leichte Melancholie, innere Verbundenheit.
  4. Die Stadt schläft im Herzen, weil sie symbolisch für die inneren Gefühle und Erinnerungen des lyrischen Ichs steht – nicht nur als äußerlicher Ort, sondern als inneres Bild und Gefühl.